Reflexionen
So so. Nach knapp 10 Wochen in Stockholm wird es glaube ich Zeit die Dinge mal ein wenig zu reflektieren und dabei auch einen kleinen Vergleich zu Deutschland zu ziehen.
Bevor ich nach Stockholm ging dachte ich, ich komme in ein Land, das abgesehen von der Sprache keine allzu großen Unterschiede zu Deutschland aufweist. Damit lag ich auch nicht wirklich falsch, auf dem ersten Blick ist hier vieles ähnlich wie in Deutschland.
Doch sind es die vielen kleinen Dinge des Alltags, die den Unterschied ausmachen. Hier einige Beispiele:
- Man redet alle Leute mit dem Vornamen an, egal ob Professor oder Manager. Leute mit Herr oder Frau Sowieso anzureden bringt einem lediglich verständnislose Blicke.
- In deutschen Supermärkten habe ich noch nie einen 10 kg-Reisbeutel gesehen. In Schweden ist das normal. Lebensmittel sind allgemein in größeren Mengen verpackt.
- Das Ordnungsamt überwacht jede Party/Bar/Club, was bedeutet dass Sperrzeiten meist strikt eingehalten werden. Ohne Ausweis kommt man fast nirgends rein und auch 50jährige werden danach gefragt.
- Auch vor jeder Bar steht ein Bouncer (Türsteher) – nicht wie bei uns nur vor den grossen Clubs.
- Schwedisches Fernsehen wird nicht synchronisiert, das heißt Filme sind immer in der Originalsprache (meistens Englisch) und es gibt lediglich schwedische Untertitel. Das ist auch der Grund warum hier 8jährige und 70jährige perfekt Englisch können und einen die Schweden fragen, ob man es nicht seltsam findet, Filme mit ner fremden Nicht-Originalstimme zu sehen. Wenn man denen dann erklärt, dass man dazu nichts sagen kann, weil man oft keinen Vergleich hat weil man die Originalstimme nicht kennt, erntet man verduzte Gesichter.
- Es gibt nicht immer eine strikte Trennung in Frauen- und Männertoiletten. Oft werden Toiletten von Männlein und Weiblein genutzt, was meist recht witziges Toiletten-Schlangestehen im Club zur Folge hat.
- Schlange stehen: Darin sind die Schweden Experten. Egal ob ne Stunde vor dem Club, 30 Leute vor dem Geldautomat oder beim Einsteigen schön den Bus entlang aufgereiht wie die Hühner auf der Stange – die Schweden stehen überall Schlange. Oft werden noch Nummern gezogen. Dabei hat es aber keiner Eilig oder macht Stress – sehr angenehm.
- Schweden sind allgemein ein sehr relaxtes Völkchen. Lautes Gerede und Gehabe sowie drängeln, schubsen und immer Erster sein wollen ist hier ziemlich uncool.
- Man ist ständig auf Harmonie bedacht und auch bei Diskussionen wird immer darauf geachtet alle Meinungen zu hören und möglichst von jedem etwas in die Arbeiten/Projekte/Entscheidungen zu integrieren. Das führt meist zu etwas längeren Prozessen, aber auch dazu dass sich jeder gebraucht, verstanden und nicht übergangen fühlt.
- Einer der beliebtesten schwedischen Sätze ist: „Jag vet inte“. Zu Deutsch: „Ich weiss nicht“. Der Satz fällt immer, wenn von Schweden eine direkte Aussage/Meinung gefordert wird und diese keine Lust haben, Angriffsfläche zu bieten oder eine Meinung zu kritisieren –> Harmoniebedarf again!
- Bei einigen Einkaufsmärkten kommt das Rückgeld aus einem Automaten, nicht von der Kassiererin.
- Schweden sind extrem weltoffen, interessiert in sämtlichen Kulturen und Nationen und reisen daher auch sehr viel. Wenn man also Leuten im selben Alter wie dem eigenen begegnet und diese schon in den USA, Australien, Indien, Thailand und halb Europa waren, ist das bewundernswerter Weise eher die Regel als eine Ausnahme.
Und so spürt man wenn man ein Weilchen hier lebt, dass man eben nicht in Deutschland ist. Und dass auch nur einige wenige Kilometer weg von daheim hinter den Kulissen der Kultur doch sehr große Unterschiede pulsieren. Und ich habe sicher noch nicht alle Feinheiten ausgemacht. Freue mich auf den Rest…